Wenn du mich fragst, bin ich noch immer völlig durcheinander. Als frisch gebackene Ehefrau ist das doch wohl normal? Es war für mich einfach traumhaft schön. Nie hätte ich gedacht, dass so viele unserer engsten Freunde tatsächlich auf Grund unserer Trauung mit in die französische Dordogne fahren. Das großzügige Anwesen mit seinen kleinen Irrgärten, dem Pool und den viktorianisch eingerichteten Zimmern, hätte ich mir nicht edler vorstellen können. Alle hatten sich sehr ins Zeug gelegt und gemeinsam alles organisiert. Es wurde zusammen gekocht, gebacken, dekoriert und gestylt. Selbst Pastor Peter, ein langjähriger Freund unserer Familie hatte die Reise auf sich genommen, um mich und Max zu trauen. Mia, meine Freundin und Ehefrau unseres Trauzeugen Evan, hatte die ganzen sechs Tage lang fotografiert. Jetzt, wie ich ihr Hochzeitspresent, ein wunderschön gestaltetes Fotoalbum, in den Händen halte, kann ich ihr Engagement mit der Kamera verstehen. Wunderschöne Portraits aller Gäste, klassische Hochzeitsposen in meinem traumhaften Versace Kleid und die ausgelassene Stimmung während der ganzen Woche, hatte sie auf Fotografien festgehalten. Das werden meine Enkelkinder einst betrachten können. Die Flitterwochen in der Stadt der Liebe Paris haben mir den Rest gegeben. Ich strahle wie bekloppt den ganzen Tag und freue mich schon bald meinen Kollegen im Op davon zu erzählen. Habe ich erwähnt, dass ich ein Workaholic bin. Die letzten Wochen werden für mich unvergesslich bleiben aber wenn ich nicht bald wieder zu operieren beginne, fällt mir unsere wunderschöne Stuckdecke auf den Kopf. Max zeigt mir den Vogel und sagt, Mensch Liv, musst du in deiner neuen Burberryhose da auf dem Boden sitzen?  Ja, sage ich motzig und laufe ins Schlafzimmer. Max und ich sind schon seit meiner Studienzeit zusammen. Büffeln, operieren, Doktorarbeit schreiben. Das ich dazu oft 24 Stundendienste schiebe schmeckt ihm garnicht. Er hat ein gut gehendes Logistikunternehmen und ist vorwiegend Vormittags beschäftigt. Es kommt manchmal vor, dass wir uns drei Tage am Stück nicht sehen. Ich bin übermüdet und er gelangweilt, dass ist prima Stoff für einen Streit. Ich muss zugeben, dass ich ihn gerne piesacke und wegen seinen schlechten Angewohnheiten, wie Rauchen und übermässigen Koffeeingenuss, trieze. Sein trotziges Verhalten liebe ich und wirklich ernsthafte Auseinandersetzungen haben wir selten. Ich ziehe einen Jogging und meine Laufschuhe an und stecke mir die Stöpsel meines Ipod in die Ohren. Äh, Olivia, essen wir heute Abend noch was zusammen oder was hattest du geplant? Er lächelt verlegen, wegen seiner schroffen Bemerkung vorhin. Die Suppe steht schon auf dem Herd Baby, ich bin in 45 Minuten wieder da, dann können wir essen. Vor der Tür binde ich meinen Schnürsenkel etwas fester und atme tief die feuchte Abendluft ein. Ich drehe an der Lautstärke, als ich “ bloody sunday“ von U2 auf dem Display lese und laufe los.

 

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