Schätzchen…

 

Es poltert und scheppert in der zweiten Etage, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich sitze an meinem Computer und versuche meine Trendrecherchen in Worte zu fassen. Ich bin neben meinem Job als Stylistin, Autorin eines Modeblogs und berichte so auf einer Homepage über aktuelle Trends. Geld lässt sich damit nicht wirklich verdienen aber ich habe Spass daran und freue mich sehr über neue regelmässige Leser. Der Fahrstuhl ist schon den ganzen Tag am rotieren und geht mir tierisch auf die Nerven. Wer zieht da überhaupt ein. Im Erdgeschoss wohnt ein älterer Künstler, George, der viel auf Reisen ist und sonst ein sehr zurückhaltender Typ zu sein scheint. Ich wohne nun schon fünf Jahre hier und habe in nur selten getroffen. Wenn ich drei Worte mit ihm gewechselt haben sollte, ist das viel. Er war stets charmant aber eben nie da. Ziemlich geheimnisvoll, dieser Franzose. Er hatte mir eines seiner Bilder geschenkt, das mir bei seinem Einzug direkt aufgefallen war. Es stand in Folie gewickelt direkt vor der riesigen Eingangstür. Ich habe mich auf Anhieb verliebt. Das er es mir gleich zum Geschenk machte, hatte ich nicht erwartet. Nun ziert es meine Wand hinter dem riesigen Mariotthotelbett. Ich hatte mir dieses wolkenweiche Teil nach einem Urlaub in Marbella im Internet bestellt, weil ich noch nie so gut geschlafen hatte, wie auf diesem. American Kingsize heisst diese Größe, glaube ich und es ist wirklich hoch. Jetzt schlafe ich wie eine Prinzessin auf der Erbse mit einem echten George Maison über dem Kopf. Wer weiss, vielleicht ist es irgendwann Millionen wert. Ich beschliesse dem Lärm nachzugehen und bin unglaublich neugierig, wer da unter mir einzieht. Barfuss und mit einem Milchkaffee bewaffnet, steige ich in den Fahrstuhl und drücke den Zweiten Stock. Ein hochgewachsener Typ mit Glatze und einer Eidechsentattowierung auf dem Kopf strahlt mich an. Wer bist du und was machst du hier für einen Krach sag mal, sage ich frech und lächle ihn an. Hallohallohallo sagt er, ich bin Rouven und ich ziehe hier ein. Hast du eine Kaffeemaschine, Schätzchen, ich würde sterben für so einen Kaffee. Unter den tausend Kartons kann ich meine nicht finden. Na klar, komm mit, brabbel ich, was man bei dem Lärm kaum hören konnte. Rouven nimmt meine Hand und verabschiedet sich kurzfristig von den fleissigen Leuten der Umzugsfirma. Er ist offensichtlich ein Homo und auf den ersten Blick ein Seelenverwandter. Komm herein, magst du Milch, Zucker? Schwarz wie meine Seele, Schätzchen. Ich muss kichern, er erinnert mich an den Film Birdcage, den ich etwa tausend Mal gesehen habe. Ich heisse Linda, Schätzchen  ist nur mein Spitzname. Er lacht so dass die Wände schallen, ich kannte mal eine Linda, sie war ein Showgirl und hatte auch so Smaragdgrüne Augen wie du. Was machst du beruflich frage ich während ich ihm noch zwei Kekse auf den Unterteller lege. Ich bin ein Mann in Frauenfummel, zumindest während der Sommermonate auf Ibiza, den Rest des Jahres ruhe ich. Er lehnt sich zurück und nimmt einen grossen Schluck Kaffee. Eine andere Antwort hatte ich nicht wirklich erwartet. Wir unterhalten uns noch eine Weile und mir fällt auf, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Wenn du magst, kommst du heute Abend, wenn ihr mit dem Umzug fertig seit, zum Essen nach oben. Ich möchte dich einladen, deine Küche wird eh nicht fertig. Rouven strahlt und küsst mir die Hand. Du bist ein Goldstück Schätzchen, ich komme gern, und verschwindet im Fahrstuhl. Ich heisse… ach egal. Das wird ein interessanter Abend ganz nach meinem Geschmack. Zum Schreiben komme ich eh heute nicht mehr, denke ich und laufe an den Kühlschrank. Was mag er wohl, ach ich koch was vegetarisches, diese Hippies aus Ibiza essen doch alle ayurvedisch oder so.

 

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